In der Stadt Bangalore kombiniert eine ungewöhnliche Gruppe Bier und Laufen zu einer berauschenden Erfahrung

Autor: Ganesh Vancheeswaran
Bildrechte: Hash House Harriers – Bangalore Chapter

Manoj Bhat begibt sich jeden Monat irgendwo an den äußeren Rand der weitläufigen Metropole von Bangalore. Er geht auf einen Ausflug. An einer vereinbarten Stelle trifft er mehrere andere Personen, die auf den gleichen Ausflug gehen. Doch es ist ein Ausflug besonderer Art. Bald fängt Manoj an zu laufen; einige Männer und Frauen auch. Andere entscheiden sich zu gehen. Läufer und Wanderer bewegen sich in angenehmem Tempo; niemand hat es eilig. Der Weg ist grob und uneben und führt sie über Felder, Farmland, matschige Stellen und bewaldete Flächen. Auf halbem Weg ist ein Stopp, an dem ihnen Wasser und Obst gereicht werden.

Wenn sie das Ende des Weges erreichen, greifen sie nach kühlen Bierflaschen, um ihren Durst zu stillen. Bald versammelt sich die ganze Gruppe dort. Viele nehmen sich ein Bier, andere ein Erfrischungsgetränk. Snacks werden verteilt. Die Gruppe bildet einen Kreis und das humorvolle Geplänkel beginnt. Man erzählt Anekdoten vom Lauf, reißt hemmungslos Witze und nimmt sich gegenseitig auf den Arm. Über einige Mitglieder der Gruppe macht man sich offen lustig; sie müssen sich dann verteidigen. Und während der ganzen Zeit bebt die Luft vor Lachen und Heiterkeit.

Willkommen beim Hashing – eine Welt, in der es reichlich Spaß, Fitness, Bier und Outdoor-Erlebnisse gibt.

Eine weltweite Bewegung

1938 begann eine Gruppe britischer Offiziere (zu denen sich wahrscheinlich einige Ausgewanderte gesellten), sich einmal pro Woche in den damaligen Federated Malay States (dem heutigen Malaysia) zu treffen, um gemeinsam zu laufen und etwas für ihre Gesundheit und Fitness zu tun. Sie gestalteten ihren Lauf nach dem Vorbild des alten britischen Spiels ‚Hares and Hounds‘, das einer Schnitzeljagd ähnelt. Dabei müssen die ‚Hasen‘ Fährten im Outback legen und die ‚Jagdhunde‘ beim Laufen dieser Fährte folgen. Die Soldaten tauften ihre Gruppe nach dem Gebäude, in dem sie lebten, die ‚Hash House Harriers‘. Sie wussten wohl nicht, dass der Funke dieser ersten Läufe überspringen und eine leidenschaftliche globale Bewegung entfachen würde, die man Hashing nennt. In mehreren Städten der Welt sollten Hash-Gruppen entstehen.

Die Bangalore-Gruppe der Hash House Harriers (HHH) wurde 1991 gegründet. Wie alle anderen Gruppen auch, wird sie von einem Grand Master (GM) geleitet. Bei der Organisation hilft ihm ein sogenanntes MisManagement-Team.

In der freien Natur

Hash Runs werden einmal im Monat organisiert. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten treffen sich an einem vereinbarten Ort vor der Stadt und beginnen zu laufen (oder zu gehen, wenn sie möchten). Sie folgen der von den ‚Hasen‘ gelegten Fährte. Die ‚Hasen‘ sind Mitglieder des MisManagement-Teams. Den Hasen fällt die wichtige Aufgabe zu, jeden Monat eine neue Route auszukundschaften und mit Kreide die Fährte zu legen. Damit sich aber die Hasher niemals in Sicherheit wiegen können, legen die Hasen auch falsche Fährten. Die eifrigen Läufer, die das Feld anführen (man bezeichnet sie vollkommen respektlos als Spitzenbastarde – ‚Front Running Bastards‘ oder FRBs) laufen häufig mal einen steilen Hang hinauf und schlagen sich durch das Unterholz, um vor einem mit „X“ markierten Schild zu landen. Dann müssen sie eine Vollbremsung machen und realisieren zu spät, dass sie viel Energie für den falschen Weg verschwendet haben. Sie sind gezwungen, umzukehren, wieder die richtige Fährte zu finden und ihr zu folgen. Meist sind die Fährten zwischen 6 und 8 km lang. Aber ein FRB, der falsch abbiegt, kann auch schon einmal 3 oder 4 km mehr laufen müssen.

Abnash Singh ist Grand Master der Hash House Harriers Gruppe in Bangalore. Er sagt, dass die falschen Fährten dafür sorgen, dass die Läufer den Endpunkt nicht so viel früher als die Wanderer erreichen. „Wir achten besonders darauf, den Hashern gute Fährten anzubieten. Auch wenn unsere Wege grob sind und über unebenes Gelände führen, müssen sie doch sauber und sicher sein. Bei uns laufen Männer, Frauen, Kinder jeden Alters mit. Es ist sehr wichtig, dafür zu sorgen, dass sie beim Hash Run eine positive Erfahrung machen“, sagte er.
Früher veranstaltete die Gruppe alle zwei Wochen einen Lauf. Eine Zeit lang nahmen nur noch 10 oder 20 Personen teil. Vielleicht war man ein wenig übersättigt, weil einige Wege wiederholt wurden und die Läufe zu oft stattfanden. Dann begann man, die Läufe einmal pro Monat zu organisieren. Die Teilnahme stieg wieder, da der längere Abstand und die Tatsache, dass die Hasen jedes Mal einen anderen Weg wählen konnten, wieder Frische und Interesse in das Hashing brachte.

Hashing begann als eine Bewegung, bei der die Fitness im Zentrum der Aktivität stand. Die meisten der ersten Hasher waren ernsthafte Läufer. Mit der Zeit hat es sich aber zu einer schönen Mischung aus Fitness und Spaß entwickelt. Viele Hasher machen mit, weil sie gern in der freien Natur sind und interessante Leute treffen wollen. Chandra Mouli, der unter dem Hash-Namen ‚Organauftreiber‘ bekannt ist, sagt: „Wir Hasher haben so viel Spaß draußen in der Natur. Für diese paar Stunden lassen wir alles fallen und sind einfach wir selbst. Wir werden nicht danach beurteilt, wer wir sind, wie wir uns anziehen oder was wir sagen.“

Die Tatsache, dass diese Läufe/Wanderungen kein Wettbewerb sind, zieht viele an. Deshalb bringen viele Hasher auch ihre Eltern und kleinen Kinder mit. Abnash sagt, dass Hasher von 5 bis 75 Jahren dabei sind. Jeder kann den Weg in seinem eigenen Tempo zurückzulegen. Einige Hasher, die in ihrer Jugend eifrige Läufer waren, sind nun aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen oder fortgeschrittenen Alters zum Wanderschritt übergegangen. Nimou Nilakantan war einer der ersten Hasher in der Bangalore-Gruppe. Er erinnert sich: „Ich war in meiner Jugend ein sehr guter Läufer. Aber nach einer Operation am Knie musste ich mit dem Laufen aufhören. Dann bin ich als Wanderer wieder zum Hashing zurückgekehrt.“

Was alle Hasher verbindet, ist die Liebe zu Outdoor-Aktivitäten. Die Möglichkeit, das hektische Leben der überfüllten Stadt hinter sich zu lassen und auf das Land zu flüchten, zieht sie an. Als Bangalore noch kleiner war, begannen die Hash-Wege 10 oder 15 km außerhalb des Stadtzentrums. Doch durch die schnelle Expansion dieser Metropole müssen die Fährten immer weiter von der Stadtmitte entfernt gelegt werden. Viele Hasher legen 30 oder 40 km von ihrem Zuhause bis zum Startpunkt des Weges zurück. Aber sie nehmen das gern auf sich. Einige fahren mit dem Auto (wobei zu Fahrgemeinschaften ermutigt wird); andere kommen mit dem Motorrad.

Ein paar Mitglieder sagen auch, dass sie durch das Hashing in Form gekommen sind und den Ansporn gefunden haben, an Bergwanderungen und Langstreckenläufen wie Marathon- und Ultra-Marathonläufen teilzunehmen.

Hash Runs sind nicht auf den Stadtrand beschränkt. Ab und zu begibt sich die Gruppe auch für ein paar Tage auf eine Bergstation. In jüngster Vergangenheit sind Hash Runs in Gandikota, Kotagiri und Horsely Hills organisiert worden, die alle mehrere Autostunden von Bangalore entfernt liegen.

Schäumende Zeiten

Und dann gibt es noch das Bier. Am Ende des Weges wartet immer kühles, erfrischendes Kingfisher Bier auf die Hasher. Die meisten erwachsenen Hasher lieben Bier; viele von ihnen leeren problemlos mehrere Dosen hintereinander. Für sie kann es kein Hashing ohne Bier geben. Es ist tatsächlich schwierig (und sinnlos) herausfinden zu wollen, was einem Hasher wichtiger ist: der Lauf oder das Bier. Deshalb können sich auch die Hasher nicht entscheiden, ob sie nun Läufer mit einem Trinkproblem sind oder Trinker mit einem Laufproblem! Ein guter Teil des rauen Spaßes und Lachens, das auf jeden Hash Run folgt, kann dem Bier zugeschrieben werden.

Kingfisher sponsert seit Gründung der Bangalore-Gruppe das Bier für die Hash Runs. Diese Verbindung ist seit 28 Jahren intakt! Auf der anderen Seite ist der indische Online-Supermarkt Big Basket der offizielle Lebensmittel- und Logistikpartner des HHH.

Hash-Wissen

Die Hash House Harriers haben ihre eigene Nomenklatur, eigene Rituale, Konventionen und Lieder – vielleicht als kleines Tribut an die militärische Tradition, da die Gründer des Clubs ja Soldaten waren. Eine dieser Konventionen besteht darin, jedem Mitglied einen Hash-Namen zu geben. Hash-Namen sind lustig, pietätlos und oft anzüglich. Sie werden von Eigenschaften der Person oder von ihrem Hintergrund abgeleitet. Chandramouli wurde der Name ‚Organraiser‘ gegeben; durch ein Wortspiel wird er so vom Organisator zum Organauftreiber, weil er vor vielen Jahren Event-Manager war. Manoj Bhat ist Phatphatiya (alte Motorrad-Rikscha), weil er auf einem Royal Enfield Motorrad zu den Läufen kam. Einer weiblichen Teilnehmerin brachte ihre Angewohnheit, mit geöffnetem Schirm zu wandern, den Namen ‚Shady Lady‘ (schattige Dame) ein.

Während man die erwachsenen Mitglieder des Clubs ‚Hasher‘ nennt, sind mit ‚Horrors‘ (Schrecken) treffenderweise die Kinder gemeint. Neuankömmlinge sind ‚Jungfrauen‘. Der Grand Master der Gruppe ist der ‚Produzent von Perverslingen‘.

Nach jedem Lauf versammeln sich die Hasher und Horrors in einem Kreis, über den der Grand Master wacht. Die Hasen werden in die Mitte des Kreises eingeladen und für die gut gemachte Arbeit gefeiert. Die Hasen stürzen ihre Drinks hinunter und baden im Lob, während der Rest der Gruppe sie herzhaft bejubelt. Später müssen die ‚Täter‘ (diejenigen, die gegen eine Hash-Konvention verstoßen haben), zur Strafe auf einem großen Stück Eis sitzen. Als Verstöße gelten: die Hände in die Hosentaschen stecken, sein Mobiltelefon benutzen oder Nebengespräche führen, wenn der Kreis seine Sitzung abhält. Auch beim Laufen zu konkurrieren und exzessiv Abkürzungen abseits der Fährte zu nutzen, gilt als Vergehen. Die ‚Jungfrauen‘ müssen ebenfalls auf dem Eis sitzen, während sie nach Einzelheiten aus ihrem persönlichen und beruflichen Leben durchleuchtet werden.

Und dann gibt es noch die Hash-Hymnen, die Lieder für verschiedene Anlässe sind – einschließlich der Geburtstage der Mitglieder.

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Ich sitze mit etwa 20 Hashern an einem langen Tisch in der Bier Library, einer Kneipe, die vor einigen Monaten in Bangalore eröffnet wurde. Es ist eines der monatlichen Meetings des HHH. Meine Trinkkumpane sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Ich sage ‚Hallo‘ zu einem Weinladenbesitzer, einem Drucker, einem Unternehmer, einem Datenwissenschaftler, einem Angestellten der Weltbank, drei Anästhesisten und ein paar anderen, deren Beruf ich vergessen habe.

Das Bier fließt, und die Stimmung ist jovial. Schmutzige Witze machen die Runde. Einige der sanftmütigeren Mitglieder der Gruppe werden zur Zielscheibe gutmütigen Neckens. Der Produzent von Perverslingen sorgt dafür, dass der Nachschub an Essen und Trinken nicht verebbt. Von Zeit zu Zeit bricht kreischendes Gelächter aus und erschüttert die Gäste am Nachbartisch.

Während ich sie so ansehe, wird mir bewusst, was für eine tolle Lebenshaltung in diesem Hashing liegt, wie es aus Fremden Freunde gemacht hat und wie viel es den Hashern bedeutet.