Mit steigender Experimentierfreude der Konsumenten entstehen in den großen Städten immer mehr Kleinbrauereien.

Autor: Ganesh Vancheeswaran
Bildmaterial: Abhishek Chatterji www.theuncliched.com

Ich verlasse das Downtown – ein Pub, das in den 80ern oder 90ern in der indischen Stadt Bangalore gegründet wurde – und atme die kühle Nachtluft tief ein. Die letzte Stunde war ruhig gewesen. Mein Freund und ich hatten uns zwei Pitcher Kingfisher vom Fass einverleibt, während wir uns über die Veränderungen in unseren Leben unterhalten hatten. Ich dachte im Stillen, dass sich das Pub in den letzten zehn Jahren überhaupt nicht verändert hat – die Kellner nehmen Bestellungen immer noch mit mürrischer Miene auf und setzen einem das Essen mit etwas zu viel Schwung vor die Nase. Die Hälfte der Tische sind leer; das Bier schmeckt immer noch verwässert und die Atmosphäre in dem Laden ist – milde gesagt – alles andere als prickelnd.

Wir überqueren die Straße und betreten das Communiti, ein Brew-Pub, das vor ungefähr zwei Jahren seine Pforten öffnete. Es ist nach acht Uhr abends an einem Werktag und doch ist hier voller Betrieb. Unter einem großen Baum im Außenbereich sitzend lasse ich die Einrichtung des Pubs und die Zusammensetzung des Publikums auf mich wirken. Das Pub ist in erdigen Tönen gehalten, Baumstämme wurden zu einem Vordach für den Eingangsbereich gestaltet. Die Wände sind in Klinkersteinen gehalten, Pflanzen säumen das Gelände und die Möbel sind aus grobfasrigem, unpoliertem Holz.

Die meisten Gäste sind Anfang bis Mitte Dreißig. Ein paar gehen auch auf die Vierzig zu. Fast alle sind, tief ins Gespräch mit ihren Freunden vertieft, über ihre Tische gebeugt. Die Luft ist von einem hörbaren Summen erfüllt.

Und dieses Summen wird von Bier genährt. Auf sämtlichen Tischen stehen hohe, elegante Biergläser. Die meisten davon scheinen mit hellem Hefeweizen oder Belgischem Weizen gefüllt zu sein, aber man sieht auch einige Gläser mit Bier in der dunklen Farbe von Kaffee. Das könnten Stouts oder Irische Ales sein.
Kurz darauf kommt auch mein Bier. Während ich mein Irisches Ale probiere, denke ich über den Kontrast zwischen dem Downtown und dem Communiti nach. Zwischen den beiden Pubs liegen nur ca. 50 Meter Asphalt, doch wenn man nach den Getränken, dem Essen, der Zusammensetzung des Publikums und dem Level an Energie geht, könnte man meinen, dass eher eine Epoche zwischen ihnen liegt.

Dabei ist einer der Hauptgründe für diese klaffende Lücke, dass im Communiti (wie in einer Vielzahl anderer Pubs der neuen Generation in der Stadt) Craft-Bier ausgeschenkt wird.
Vor ungefähr zehn Jahren begann in Bangalore, Delhi/NCR, Mumbai, Pune, Hyderabad und im entspannten Außenposten Goa eine (sich in den letzten Jahren beschleunigende) Evolution, die von Bier-Liebhabern als eine authentischere Repräsentation des Getränks beschrieben wird. Heutzutage gibt es einige Firmen in Indien, die Craft-Bier brauen. Während Indus Pride diesen Trend vor einem Jahrzehnt begründete (und dann vom Markt verschwand), war Bira die erste Marke, die einen Eindruck auf dem indischen Markt hinterlassen hat. Heutzutage gibt es jedoch nicht Wenige (zu denen auch ich zähle), die der Meinung sind, dass die Marke an Leidenschaft und Geschmack eingebüßt hat und sich immer weniger von den traditionellen Industriebieren unterscheidet. Das Bier hat jedoch noch immer viele Fans.

Direkt nach Bira kam die nächste Welle an Craft-Bieren wie Geist, White Owl, White Rhino, Simba, Kati Patang, Eight Finger Eddi und andere. Der Erfolg von Craft-Bieren hat den Aufschwung von Kleinbrauereien in einigen der großen Städte Indiens widergespiegelt – wie zum Beispiel der Independence Brewing Company, Windmills Craftworks, Arbor Brewing Company, Gateway Brewing, Doollally, Toit und vielen anderen. Die ersten Kleinbrauereien nahmen ihren Betrieb wahrscheinlich zwischen 2009 und 2010 auf (Doolally und Toit waren eine der ersten), aber die meisten sind seit 2015 entstanden.

Der Aufstieg von Craft-Bier kann im Großen und Ganzen auf einige wenige Faktoren zurückgeführt werden. Zum einen sind die verfügbaren Einkommen sowie die Bereitschaft, dieses Geld auch auszugeben (vor allem unter jungen Erwachsenen), stetig gewachsen. Zum anderen sind indische Geschäftsleute durch steigende internationale Reiseaktivitäten mit Brau- und Biertrinkgewohnheiten in verschiedenen Ländern in Kontakt gekommen. Und schließlich spielt natürlich auch das Internet bei der Verbreitung von Informationen eine Rolle. Werden diese Faktoren mit dem verzweifelten Bedürfnis kombiniert, dem immer gleichen Geschmack der Massenbiere zu entkommen, führt dies zu Folgendem: Einer lebendigen Craft-Bier-Szene.

Die Craft-Bier-Bewegung im heutigen Indien erinnert stark an die Szene in den USA in den frühen 90ern. Seitdem haben einige unabhängige Brauereien in den USA Kultstatus erreicht und ein Großteil der trinkenden Bevölkerung dort bevorzugt Craft-Biere, während diese Bewegung in Indien erst kürzlich so richtig in Schwung kam.
Es ist schwierig, den Marktanteil von Craft-Bieren am indischen Biermarkt verlässlich zu schätzen, wahrscheinlich befindet er sich jedoch im unbedeutenden Prozentbereich. Indien ist weiterhin ein Markt, auf dem harte Spirituosen und starkes Bier dominieren. Im großen Stil abgefüllte Marken wie Kingfisher, Fosters, Budweiser, Carlsberg, UB Export, Thunderbolt und andere verfügen weiterhin über eine treue Anhängerschaft. Mit Craft-Bier kommt man nur in bestimmten großstädtischen Gegenden und dort auch nur ein kleiner Teil der trinkenden Bevölkerung in Kontakt.

Doch in diesen Gebieten wächst diese Minderheit schnell.

In den großen urbanen Räumen Indiens stellt sich die Zuwendung zum Craft-Bier in zwei interessanten Weisen dar:

1) Ein Teil der Biertrinker, deren Geschmackssinn nach Höherem strebt, hat sich von den Massenbieren gelöst und trinkt ausschließlich (oder beinahe ausschließlich) Craft-Bier;

2) Eine andere Gruppe trinkt aus geschmacklichen und/oder sentimentalen Gründen weiterhin gerne eine oder zwei der großen Marken, genießt aber darüber hinaus auch gerne Craft-Bier.

Wenn man bedenkt, dass wir uns immer noch in den frühen Tagen des Craft-Biers in Indien befinden, herrscht bereits ein ordentlicher Hype und Rummel darum. Viele Liebhaber von Craft-Bier sind Leute, die Bier wirklich lieben und neugierig auf die verschiedenen Geschmäcker, Düfte, Texturen und Aromen sind. Einige trinken es allerdings auch, weil es neu und hip ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden viele dieser frühen, eher aus Coolness Craft-Bier trinkenden Leute es am Ende tatsächlich lieben lernen, weil es ihnen einfach schmeckt.

Akash Hirebet, ein leidenschaftlicher Biertrinker und Brewing Consultant in Bangalore, freut sich über die Verschiebung hin zum Craft-Bier. Er sagt: „Während eine kleinere Anzahl an Craft-Bier-Trinkern eine Vielzahl an Stilen mag, hält sich die Mehrheit an süßere oder eher dem gewohnten Geschmack entsprechende Biere. Es verwundert nicht, dass deutsche und belgische Weizenbiere den größten Anklang im heutigen Indien finden.“

Dadurch, dass Brauerei-Pubs wie Pilze aus dem Boden geschossen sind (alleine in Bangalore befinden sich schätzungsweise mehr als 50, während Pune, Mumbai und Delhi/NCR weiter aufholen), steht den Leuten eine viel breitere Auswahl zur Verfügung. Inzwischen findet man Gebrautes nach dem eigenen Geschmack in einem Radius von wenigen Kilometern von Zuhause.

Zwar stimmt es, dass der Craft-Bier-Trend in ein paar Metropolen richtig Schwung aufgenommen hat, allerdings muss sich noch viel tun. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen angepasst werden, um die Dynamik der Craft-Bier-Industrie zu berücksichtigen. Zum einen wird es der Industrie beim Erreichen des nächsten Levels wirklich helfen, die Bedingungen zu erleichtern, Craft-Bier in Fässer/Flaschen abzufüllen und somit außerhalb der Brauereien verkaufen zu können. Tatsächlich vertritt Ashis Nayak, Bierliebhaber und Berater für einige Restaurants und Brauereien in Hyderabad, die Auffassung, dass die nächste große Entwicklung für die indische Craft-Bier-Szene das Abfüllen in Fässer und Flaschen sein wird, um sie im Einzelhandel verkaufen zu können: „Dadurch wird der Verzehr im eigenen Zuhause steigen und Craft-Bier von mehr Leuten angenommen werden.“ Eine weitere interessante Entwicklung ist das Heimbrauen, obwohl dieser Trend noch etwas in der Zukunft liegt.

Aufgrund der Vielzahl und Komplexität der Craft-Bier-Stile ist es wichtig, dem Kunden die Nuancen dieser Biere näherzubringen und was sie dem Trinker jeweils zu bieten haben. Hier kommt Online-Gruppen eine wichtige Rolle zu. Inzwischen sind bereits Bier-Liebhaber-Gruppen auf Facebook entstanden. Bangalore Beer Club, Friends of Froth, Bengaluru Thirst Club und Craft & Co. heißen einige dieser lebendigen Clubs, in denen das Gespräch über Bier aktiv gesucht wird. Und ein Großteil dieser Gespräche dreht sich um Craft-Biere. Neben Online-Diskussionen organisieren die Gruppen regelmäßig Pub Crawls, Boot Camps und andere Treffen. Diese Gruppen gedeihen durch die Liebe zum Bier und leisten ihren Beitrag dazu, mehr Leute in Kontakt mit dem Getränk zu bringen. Gemessen an den steigenden Mitgliederzahlen der Gruppen scheint es, als ob sich ihre Bemühungen bezahlt machten.

In der finalen Betrachtung hängt allerdings alles von den eigenen Präferenzen ab. Akash Hirebet fasst dies schön zusammen: „Craft-Bier ist ein subjektives und komplexes Thema. Was jemand mag, hängt vom eigenen Geschmack ab. Wenn etwas hilft, dann sind das immer Bereitschaft für Neues, Neugier und der Kontakt zu verschiedenen Stilen.“

Dem kann ich mich nur aus vollem Herzen anschließen!