Autorin: Jaine Organ

Kent, eine der Grafschaften im Süden Englands, die an London Grenzen, ist dank ihrer Fülle an Obst und Gemüse als Garten Englands bekannt. Und auch die Bierbrauer vor Ort haben eine lange Tradition: Shepherd Neame aus Faversham zählt zu den ältesten Brauereien in England. Bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts war Kent im Sommer ein Ausflugsziel für Scharen von Londonern, die dort den reichlich gedeihenden Hopfen ernteten. Noch heute findet man die charakteristischen konischen Dächer der alten Steindarren, wo früher der Röstofen für den Hopfen stand, überall in den ländlichen Gebieten.

Shepherd Neame

Es wird dort jedoch kein Hopfen mehr getrocknet, sondern gewohnt oder Urlaub gemacht. Heute macht Kent sich einen Namen als Micropub-Metropole. der Ort wo alles begann, und wo heute die meisten Micropubs zu finden sind. 

Was sind eigentlich Micropubs und warum sind sie so einzigartig? Martyn Hillier soll das erste Micropub eröffnet haben. The Butchers Arms in Herne nahe den Küstenstädten Herne Bay und Whitstable eröffnete 2003 nach einer Lockerung der britischen Schankgesetze. Per Definition besteht ein Micropub aus einem einzigen Raum, in dem es weder elektronische Geräte wie Fernseher noch Musik gibt und lediglich kleine Snacks an der Bar verkauft werden. Sind überhaupt Tische da, so sind sie einander zugewandt, um Gespräche zu fördern. Ausgeschenkt wird ausschließlich ein wechselndes Angebot von Ales und Cider, aber keinesfalls Lager, Cocktails oder Wein.

Einrichtung und Betrieb sind preiswerter als traditionelle Pubs, da die Öffnungszeiten kürzer und die Gemeinkosten geringer ausfallen. Häufig findet man sie in alten Läden, die Eigentümer können also bei der Einrichtung und Dekoration der kleinen Räume ihrer Fantasie freien Lauf lassen. The Butchers Arms war früher eine Fleischerei, dem alten Tresen wurde in Form einer Bar neues Leben eingehaucht. Fat Sam in Whitstable befindet sich in einem ehemaligen Antiquariat. Hier wird Sam, die Katze des Besitzers, und seine Freude auf vier Pfoten gehuldigt.

Im The Black Dog in Whitstable, ehemals ein Feinkostladen, lässt man das Viktorianische Zeitalter in der Moderne wieder aufleben. Wenn man sich auf so kleinem Raum gegenüber sitzt, kommt man quasi zwangsläufig ins Gespräch. Kaum hatte ich Platz genommen, erzählten mir Janet und Derek aus einer benachbarten Grafschaft, wie gut ihnen die Micropubs gefallen. „Die Leute legen das Handy beiseite und unterhalten sich, genau wie früher im Pub. Außerdem ist das Bier hervorragend.“

The Black Dog

Noch hat Kent bei den Micropubs die Nase vorn, aber London holt auf. Sowohl The Dodo in West-London als auch The Little Green Dragon in Nord-London erhielten regionale Auszeichnungen der „Campaign for Real Ale“ (CAMRA). The Little Green Dragon ist eine Anlehnung an das Pub The Green Dragon, das von 1720 bis 2014 existierte und gegen starken Widerstand der Anwohner in einen Supermarkt umgebaut wurde.

The Dodo befindet zwar in einem modernen, frischen Raum, aber auch hier sind Bier und Gemeinschaftssinn erstklassig. Kürzlich meldete der „London Evening Standard“, dass mit der Eröffnung neuer Micropubs und Mikrobrauereien die Schließung der traditionellen Pubs ausgeglichen werde. CAMRA begrüßte dies. Man betonte dort jedoch, dass auch weiterhin ein Umfeld gefördert werden muss, wo der Rückgang traditioneller Pubs Einhalt geboten wird. 

Bildmaterial: Jaine Organ