Autor: Jaine Organ
Bildmaterial: Jaine Organ

Keiner weiß wirklich, was der Brexit bringen wird. Die vielen verschiedenen Ansichten zum Thema Brexit sowie die möglichen Auswirkungen auf die Bierbranche spiegeln die zahlreichen Argumente rund um den Prozess selber wider. In diesem zweiteiligen Blog betrachten wir ihn von allen Perspektiven: aus der von Tim Martin, Gründer einer Kette von preiswerten Pubs, und seinen Bieruntersetzern, auf denen er den Brexit fordert; der Sichtweise bekannter Bier-Autoren und -Blogger, die Bier ohne Politik möchten; Handelsverbänden, die sich weiterhin für niedrigere Bierzölle und Unternehmensabgaben einsetzen, bis hin zur Brauerei Moor aus Bristol und deren pan-europäischer Craft Bier-Kollaboration „Citizens of Everywhere“.

Die Pub-Kette

Der ausgesprochene Brexit-Befürworter Tim Martin ist Chef der Pub-Kette Wetherspoons, die über 900 Mal auf der Insel vertreten ist, und deren ungeschriebenes Motto „Viel hilft viel“ für Getränke und Essen gilt. Im August 2018 gab er bekannt, dass er europäische Produkte aus dem Sortiment nehmen und sie durch Produkte aus Großbritannien und dem Nicht-EU-Ausland ersetzt, so zum Beispiel Brandy aus den USA und Australien. Martin wurde durch seine Werbe-Stunts berühmt, beispielsweise die 500.000 Bieruntersetzer, auf denen er einen No-Deal-Brexit – also einen ungeordneten Ausstieg – fordert, oder eine Zeitschrift, deren Titelseite den Brexit befürwortet und die er an tausende Haushalte schicken ließ. Von den 3.500 nicht-britischen Mitarbeitern der Kette hört man kaum etwas. Kürzlich spürte Martin Gegenwind von den Mitarbeitern der Bewegung „Spoons Workers Against Brexit“, die einen Lohn fordern, der die Existenz sichert, und die sich weigern, die Brexit-Propaganda zu verbreiten.

Die Verbraucherorganisation

„Campaign for Real Ale“ (CAMRA) ist eine in den 1970er Jahren gegründete, gemeinnützige Verbraucherorganisation mit über 190.000 Mitgliedern, die sich für alle Belange rund um Bier, Cider und Pubs einsetzen. Im Februar 2019 veröffentlichte die CAMRA-Zentrale einen Artikel in den sozialen Medien der Daily Mail, einer Tageszeitung, die traditionell den Konservativen nahesteht. In dem Artikel begrüßten sie den Brexit und erklärten, wie niedrigere Zölle zur Rettung von Pubs beitragen könnten. Zahlreiche namhafte Bier-Blogger veröffentlichten Gegenargumente und machten darauf aufmerksam, dass CAMRA unpolitisch ist. Zahlreiche lokale CAMRA-Büros distanzierten sich von der Meldung. Auf der Jahreshauptversammlung Anfang April drehte sich die Debatte jedoch deutlich abseits der Politik um die Definition von Cider und die Abschaffung von Einwegbechern.

Handelsverbände – BBPA

Die BBPA, British Beer and Pub Association, repräsentiert 90 % der britischen Brauereien (nach Volumen) und die Eigentümer von rund 20.000 Pubs des Landes. Laut der aktuellen Ausgabe der Verbandszeitschrift „Facts on Tap“, die in Zusammenarbeit mit „Society of Independent Brewers“ (SIBA) und CAMRA verlegt wird, ist ein Sechstel aller Pub-Angestellten nicht aus Großbritannien, 43 % sind zwischen 16 und 24 Jahren alt und jährlich besuchten 14 Millionen Touristen die Pubs auf der Insel. 2016 veröffentlichte die BBPA ein „Brexit-Manifest“, in dem sie die britische Regierung dazu aufforderte, die Bier-Branche zu unterstützen und die Auswirkungen des EU-Austrittes durch Gegenmaßnahmen zu den hohen Steuern und behördlichen Auflagen abzumildern, die Rechte der ausländischen Mitarbeiter zu schützen und sicherzustellen, dass zukünftige Abkommen das Beschäftigungsniveau des Sektors nicht gefährden. Brigid Simmons, Vorsitzende der BBPA, betonte kürzlich, dass „Unternehmen Planungssicherheit benötigen und ein ungeordneter Brexit um jeden Preis vermieden werden muss.“

Im zweiten Teil beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen, die der Brexit auf Craft-Brauereien hat, der weiteren pan-europäischen Zusammenarbeit bei Moor und besuchen Brauereien in London, deren Gründer keine Briten sind.