Autor: Jaine Organ
Bildmatieral: Jaine Organ, Bohem Brewery

Bier spielt für die britische Wirtschaft eine große Rolle: Regierungszahlen zufolge exportierte das Vereinigte Königreich im vergangenen Jahr eine Milliarde Pints in 121 Länder. Das brachte der britischen Wirtschaft insgesamt beinahe 700 Mio. Euro ein. Dazu kommen weitere 7,74 Milliarden Pints, die in diesem Zeitraum in Großbritannien selbst konsumiert werden. Angesichts dieser Zahlen überrascht es wenig, dass mancher sich Gedanken über die Auswirkungen des Brexit auf die Branche macht. Bei unserem zweiten Blick auf den Brexit und das Bier beschäftigen wir uns damit, wie Craft Brauereien positiv in die Zukunft schauen.

Die Handelsverbände – SIBA

Die SIBA (Society of Independent Brewers) vereint 825 unabhängige, britische Craft Brauereien unter ihrem Dach. Sie wirkte maßgeblich bei der Kampagne zur Einführung der progressiven Biersteuer mit. Diese trat 2002 in Kraft und sorgt dafür, dass kleinere Brauereien weniger Steuern auf ihre Produkte zahlen müssen. Bei der SIBA ist man bestrebt, über Regierungsrichtlinien auf dem Laufenden zu bleiben und den Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die aktuelle Empfehlung auf der SIBA-Webseite lautet, eine EORI-Nummer (Nummer zur Registrierung und Identifizierung von Wirtschaftsbeteiligten) zu beantragen und die Mitarbeiter über die Themen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in Großbritannien zu informieren. Daneben gibt es Informationen zu Etikettierung und EU-Kontaktanforderungen.

Citizens of Everywhere

Das Projekt „Citizens of Everywhere“ ist eine pan-europäische Zusammenarbeit von Craft Brauereien. Hier arbeiten 12 britische Brauereien mit 12 europäischen Brauereien zusammen, um die gemeinsamen Erfolge der EU zu feiern. Der Gründer Justin Hawke von Moor Beer stellt dem Bild der „Citizens of Nowhere“ – dieser Weltbürger, die überall zu Hause sind und nirgendwo daheim – das Theresa May so gerne zeichnet, eine positivere Auslegung gegenüber: „Der EU-Austritt ist eine schlechte Idee, wir wollen aber nicht politisch sein … Im Grunde geht es um eine positive Botschaft, Zusammenarbeit und den Wunsch, Menschen mit einer anderen Meinung nicht auszuschließen.“

Londoner Brauereien mit Blick nach Europa

Neben Kollaborationen gibt es überraschend viele Brauereien mit europäischem Fokus, die sich nach dem Brexit-Referendum in London niederlassen. Das 2017 vom Hamburger Felix Bollen und seinen beiden Partnern gegründete „German Kraft“ serviert frisches, ungefiltertes und unpasteurisiertes Bier aus deutschem Hopfen und Malz. Brewheadz in Nord-London wurde 2016 von vier Italienern gegründet, die bereits in ihrer WG einen Haustrunk gebraut hatten.

Bohem Brewery wurde 2017 von den zwei Tschechen Zdenek Kudr und Petr Skocek gegründet, hier gibt es traditionelle böhmische Lagerbiere aus tschechischen Zutaten. Britische Bierfans sind begeistert, sodass kürzlich der Brauer Matěj aus der Breunauer Klosterbrauerei des Heiligen Adalbert eingestellt wurde. Wir haben die Schänke in der Myddleton Road besucht, wo uns der vierte im Bunde, Marek Průša, auf traditionell tschechische Art ein Bier zapft. Der von Pilsner Urquell zertifizierte Zapfer schenkt seit 20 Jahren ein. Der Aufdruck auf seinem T-Shirt „Tapster not Hipster“ macht deutlich, dass die Jungs was drauf haben. Und das schmeckt man ganz deutlich: Die Biere, die wir gekostet haben, waren richtig gut. Unser Favorit ist das Sparta, ein bernsteinfarbenes Lager mit 5,4 %, und das vollmundig-malzige Lager Druid, schwarz und mit 5,7 %.

In der Craft Szene herrschten schon immer Offenheit und Gemeinschaftsgeist, diese risikofreudigen Brauer in Großbritannien geben also Anlass zur Hoffnung. Und zur Freude für Biertrinker. Wir werden der Bohem-Brauerei sicher bald wieder einen Besuch abstatten und dort ein Glas Glück bestellen.