Aus der Ferne betrachtet scheint Craft Beer in Südafrika zu boomen. Landesweit gibt es mittlerweile mehr als 150 Craft-Beer-Brauereien – dazu noch 50 mit Brauereibindung – verglichen mit etwa 75 vor gerade einmal fünf Jahren. Die Anzahl der Biersorten wächst zwar stetig, trotzdem macht die Craft-Beer-Branche nur etwa 1 % des gesamten südafrikanischen Biermarktes aus. Woran liegt es, dass die Kleinbrauereien Südafrikas nicht mehr Bier verkaufen?

Die meisten Brauereien produzieren weniger als 1000 Liter pro Charge, aber trotz dieser bescheidenen Mengen sind viele Brauereien nur zu etwa 50 % ausgelastet. Auch wenn Brauereien zahlenmäßig zunehmen, scheint dies bei den Gastronomiebetrieben, die bereit sind, Craft Beer zu verkaufen, nicht im gleichen Maße der Fall zu sein, sodass viele Braumeister ihre Biere nur schwer an den Mann bringen.

„Meiner Ansicht nach liegt das größte Problem für kleine Brauereien in der Hinterlassenschaft von SAB, nämlich, dass Gastronomiebetriebe der Brauereibindung unterliegen”, meint Stefan Wiswedel, Eigentümer von Little Wolf. „Das bedeutet, dass das Ausschankangebot nur zum Teil vom Gastronomen selbst bestimmt wird. Wer nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügt, um eine eigene Zapfanlage zu installieren und zu betreiben, ist außen vor.” Die Installation eines Zapfhahns kann bis zu 20.000 Rand (ca. 1200 Euro) kosten – und nur einen einzigen zu besitzen, macht natürlich wenig Sinn. Tatsächlich gibt es eine kleine, langsam wachsende Zahl an Lokalen, die Craft-Beer-Spezialitäten ausschenken und im Besitz eigener Zapfhähne sind. Der Konkurrenzkampf, von diesen geführt zu werden, ist allerdings groß.

Vertriebsprobleme

Ein ebenso großes Problem ist der Vertrieb. Es gibt nur wenige Vertriebshändler in Südafrika und viele Bierbrauer sind mit den gebotenen Leistungen und Vertragsbedingungen unzufrieden. Es fehlt ihnen aber an den Ressourcen, um den Vertrieb selbst in die Hand zu nehmen. Im letzten Monat verkaufte The Tap Room, einer der größten Vertriebshändler für Craft Beer, seine 700 installierten Zapfhähne an Signal Hill Products, ein Unternehmen, in dessen Besitz sich mehrere Craft-Beer-Marken befinden, einschließlich Devil’s Peak, eine der größten Mikrobrauereien des Landes. Der Aufschrei war unmittelbar und laut – zahlreiche kleine Brauereien, deren Biere von The Tap Room geführt wurden, äußerten die Befürchtung, dass sie nun, da eine große Brauerei die Zapfhähne besaß, durch die ihr Bier floss, Absatzmöglichkeiten verlieren würden.

Greg Casey, dem die Afro Caribbean Brewing Company und das Banana Jam Café – ein beliebter Treffpunkt für Craft-Beer-Liebhaber – gehören, glaubt, dass man das Geschäftsmodell überdenken muss, um in der lokalen Bierbranche Fuß zu fassen. „Man kann mit Bier schon Geld verdienen, aber nicht mit dem Geschäftsmodell, nach dem die meisten Leute aktuell arbeiten”, meint er mit Blick auf jene Brauer, die in recht kleinem Umfang tätig sind und ihre Biere für den Verkauf in Spirituosenläden abfüllen. „Wenn man Geld machen will, muss man ein Brewpub, also eine Kleinbrauerei mit Schenke, eröffnen.” In Südafrika ist das Brewpub-Modell nicht ohne Komplikationen, denn Lizenzen für Mikrobrauereien werden im Allgemeinen nur an Lokalitäten in Gewerbegebieten erteilt.  Einige Brauereien florieren in Gewerbegebieten, insbesondere in gentrifizierten Vororten von Kapstadt, wo alte Fabriken in angesagte Restaurants, Geschäfte für Designermode, Loftwohnungen und besagte Mikrobrauereien umgebaut werden. In anderen Städten liegen die Gewerbegebiete manchmal in einiger Entfernung  von den Vororten, in Gebieten, die man nicht unbedingt als Ziel für den Sonntagsausflug mit der Familie anvisieren würde.

Der Zugang zum Markt ist nicht die einzige Herausforderung, der sich die Brauereien Südafrikas gegenübersehen. Kleinbrauereien profitieren nicht wie in manchen anderen Ländern von Steuererleichterungen, und so kann die Verbrauchssteuer für so manchen das Aus bedeuten. Die Wirtschaft des Landes steht auf der Kippe, und durch den schwachen Rand ist es für die Brauer schwierig, Rohstoffe zu importieren und das Endprodukt dennoch zu einem Preis zu verkaufen, den die Verbraucher vor Ort sich leisten können. Dazu kommt noch, dass importierte Rohstoffe sich nicht immer in bestem Zustand befinden, haben sie doch manchmal den weiten Weg von den USA über Europa zurückgelegt, bis sie endlich in Südafrika ankommen.

Aufbau einer Bierkultur

Das größte Problem könnte jedoch der Markt für Craft Beer sein, den der Inhaber der Frontier Beer Company, Brendan Hart, als „klein und noch immer unterentwickelt” bezeichnet, „obwohl er langsam wächst und sich entwickelt.” Südafrika ist ein Schwellenland, und ein erheblicher Teil der Bevölkerung kann es sich schlicht und einfach nicht leisten, seine sauer verdienten Rand für ein Luxusprodukt wie Craft Beer auszugeben. Die Bierbranche versucht gemeinschaftlich, eine Bierkultur in einem Land zu schaffen, in dem Bier seit jeher als Getränk gilt, das man achtlos in sich hinein schüttet und das dem Wein nicht ebenbürtig ist. Restaurants davon zu überzeugen, Bier auf der Karte einen gleichwertigen Platz neben Wein einzuräumen, ist eine Herausforderung; die Gäste zu überzeugen, das gewohnte Lagerbier aufzugeben, dem sie schon ihr ganzes Erwachsenenleben die Treue halten, ist noch schwieriger.

Trotz mehrerer Schließungen in diesem Jahr wächst die Zahl der Brauereien und Biermarken weiterhin. Brauereiinhaber müssen zusammenarbeiten, um zu gewährleisten, dass die potenziellen Abnehmer zahlenmäßig in ähnlichem Umfang zunehmen. Die beste Chance, das zu erreichen, liegt vielleicht in der Rückkehr zu dem Konzept, dass Craft Beer ein lokales Produkt ist. Viele Braumeister versuchen, Ihre Biere im gesamten Bezirk, der ganzen Provinz oder sogar landesweit zu vertreiben, anstatt sich auf die direkte Umgebung zu konzentrieren. Selbst wenn ein Brewpub nicht machbar ist, ein Schankraum in einer verbraucherfreundlicheren Gegend ist ein Muss. Örtliche Machbarkeitsstudien haben gezeigt, dass der Erfolg in Destinationsbrauereien liegt und nicht in Vertriebsbrauereien. Südafrika verfügt über eine starke Tourismusbranche, die sowohl inländische als auch ausländische Reisende bedient. Sie kommen wegen der Geschichte, der Wildtiere, des Essens und des Weins – es gibt keinen Grund, warum sie nicht auch des Bieres wegen kommen sollten.

Autorin: Lucy Corne

Bildmaterial: Lucy Corne