Autorin: Malin Norman

Der amerikanische Craft Bier-Markt inspiriert Braumeister und Bierliebhaber auf der ganzen Welt. Wir haben uns mit Lotte Peplow unterhalten, Botschafterin der amerikanischen Brewers Association für amerikanisches Craft Bier in Europa, um den Markt jenseits des großen Teichs besser zu verstehen (Interview vom 24. April 2020).

Wie würdest du den amerikanischen Biermarkt beschreiben?

Vielseitig, innovativ und voller Pioniergeist sind nur einige der Wörter, die mir sofort einfallen, wenn es um den amerikanischen Craft Bier-Markt geht. Vor 40 Jahren gab es nur knapp 50 Craft Brauereien in Amerika. Es gab den US-Markt, wie wir ihn heute kennen, nicht. Keiner fühlte sich einer Tradition oder Braugeschichte verbunden. Deshalb konnten die amerikanischen Craft Brauer den Markt für sich erfinden. Das amerikanische Craft Bier ist stark von den großen Brautraditionen Europas inspiriert. Die innovativen Braumeister wollten jedoch nicht einfach kopieren, sondern eigene Stile entwickeln, die das amerikanische Bier über das traditionelle, massenproduzierte Lager hinaus weiter entwickelten. Das war die Geburtsstunde der amerikanischen Craft Bier-Revolution und damit der hochwertigen, vollmundigen Biere, die von den 8.386 kleinen und unabhängigen amerikanischen Craft Brauereien produziert werden, deren Vielseitigkeit weltweit ihresgleichen sucht.

Die Nachfrage nach neuen, spannenden Stilen wie amerikanisches IPA, im Fass gealterten Bieren und gut gemachten Klassikern steigt sowohl im In- als auch im Ausland.  Die Verkaufszahlen waren 2019 so hoch wie nie zuvor, kleine und unabhängige amerikanische Craft Brauereien produzierten 26,3 Millionen Barrel Bier. Das ist ein Gesamtwachstum von 4 % und ein Anstieg des Marktanteils von Craft Bier um 13,6 %. Amerikanische Craft Brauereien führen auch weiterhin die globale Craft Bier-Bewegung an, wenn es um Innovation und die Entwicklung von neuen Geschmacksrichtungen geht, die die traditionellen Stile hinter sich lassen. 

Wo liegt der Erfolgsfaktor?

Einer der wesentlichen Gründe für den Erfolg, den die amerikanische Craft Bier-Industrie in nur wenigen kurzen Jahrzehnten hatte, liegt in der räumlichen Nähe zu den frischesten Exemplaren höchst beliebter Hopfenvarianten. Die Einführung der Hopfensorte Cascade in den frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war ein wegweisender Moment für die Craft Brauerei, da ihr komplexer, frucht-lastiger, vollmundiger Geschmack eine ganz neue Wahrnehmung des amerikanischen Biers ermöglichte. Brauer können Hopfenfelder besuchen und Geschmacksprofile entwickeln, die es sonst kaum irgendwo gibt. Dieser Kombination aus Qualität/Frische mit Brau-Erfahrung ist es zu verdanken, dass amerikanische Craft Biere weltweit für Qualität stehen. Die zahlreichen Medaillen und Auszeichnungen, die amerikanisches Craft Bier bei namhaften internationalen Wettbewerben erhält, sind der beste Beweis dafür. Die Brewers Association arbeitet auch weiterhin mit dem Hopfenzuchtprogramm des United States Department of Agriculture Agricultural Research Service (USDA ARS) zusammen, um die Entwicklung eines öffentlichen Hopfenzuchprogramms zu finanzieren, mit dem kranheitsresistente Hopfensorten entwickelt und veröffentlicht werden, um die Hopfenzucht in den USA zu stärken. 

Mit dem Binnenmarkt wächst auch das Bewusstsein und die ausländische Nachfrage nach amerikanischem Craft Bier. Trotz zunehmender Konkurrenz von lokalen Märkten hat hochwertiges Importbier aus Amerika auch in Europa seinen Platz, da anspruchsvolle Bierliebhaber sich nicht auf einen Stil oder ein Land beschränken möchten. Sie lernen gerne neues kennen und möchten Geschmackswelten rund um den Globus entdecken.   Wir haben festgestellt, dass amerikanisches Craft Bier das einheimische Bier wunderbar ergänzen, sie steigern gegenseitig die Verkaufszahlen.

Welche Trends beobachtest du?

IPAs sind immer noch ganz vorne dabei und machen ein Drittel aller Craft Bier-Verkäufe in Amerika aus. Es gibt eine Vielzahl von Varianten und Stärken, sie sind gar eine ganz eigene Plattform für Innovationen. Auch das Wachstum bei leichteren, süffigeren Stilen ist ungebrochen. Wir gehen davon aus, dass diese leichteren Stile auch in Zukunft weiter wachsen, wenn die alternde Craft Bier-Konsumentendemografie zu leicht trinkbaren Stilen greift, um die starken Biere auszugleichen. Laut aktuellen Studien (IRI) sind die Top 5 der amerikanischen Craft Bier-Stile im Jahr 2019 folgende: amerikanisches IPA, Imperial IPA, amerikanisches Lager, anderes IPA und blondes Ale.

Der Durschnittskonsument, der nicht tief in der Bier-Community verankert ist, denkt nicht immer an Stile, sondern häufig an Geschmacksrichtungen. Forschungen der Brewers Association (Harris/Nielsen Mai 2019) ergaben, dass Craft-Liebhaberinnen eher nach frischen, fruchtigen oder saftigen/trüben Stilen suchen, die Herren der Schöpfung jedoch dunkle, malzige Biere bevorzugen. Jüngere Biertrinker (21 bis 34 Jahre) – häufig ein Indikator für zukünftige Trends – wünschen zunehmend säuerlichen Geschmack und hopfige oder malzige Biere, während ältere Biertrinker (35 bis 44) sich für dunkle, saftige/trübe oder würzige Biere interessieren.

IPAs bleiben auch weiterhin populär. Amerikanische Brauer lieben Hopfen und das wird sich so bald nicht ändern. Wer andere Stile sucht, sollte das Angebot des lokalen Biergeschäfts oder bei einem Online-Händler studieren. Höchstwahrscheinlich gibt es etwas Spannendes, das Sie noch nicht kennen. Bierliebhaber haben heutzutage die Qual der Wahl!

Weitere Informationen zur Brewers Association gibt es hier: www.brewersassociation.org

Bildmaterial: Nic Crilly-Hargrave, The Brewers Association